Vor einigen Tagen waren zwei “Vertreter” des Gideonbunds bei mir zu Gast. Die “Gideons International” sind eine Missiongesellschaft, die durch das Verteilen von Bibeln Menschen auf den christlichen Glauben aufmerksam machen wollen. Sie hatten bei uns an der Schule angefragt, ob sie kommen dürften und wurden in mehrere Klassen eingeladen. Zwei ältere Herren (Tendenz 65+) saßen an diesem Morgen mit großen Kartons im Lehrerzimmer und warteten auf ihren Einsatz. Sie kamen in die Klasse berichteten kurz über die Entstehung und das Ziel des Gideonbunds, um dann noch einige persönliche Glaubenserlebnisse und Bibelgeschichten zum besten zu geben. Jeder Schüler erhielt von ihnen noch eine kleine Bibelausgabe und dann waren sie auch schon weg. Meine Schüler waren schon interessiert, aber auch etwas verwirrt von dem Auftreten und manchmal etwas zusammenhanglosen Gerede der beiden Männer.
Eine Schülerin meinte im Anschluss: “Sie haben genau das gleiche Hemd an, wie der eine Mann!”. Mein Gesichtsausdruck musste deutlich gemacht haben, dass ich diesen Kommentar nicht unbedingt als Kompliment empfand. Schließlich habe ich bisher immer gehofft, dass mein Kleidungsstil nicht dem eines Siebzigjährigen entspricht. Auch der Versuch der Schülerin die Situation zu retten, indem sie ein “Ihnen steht das aber besser!” hinterherschob, konnte das Grinsen und Kichern der anderen Schüler nicht stoppen. Das Hemd ist jetzt vorerst in den Schrank verbannt worden und wird die nächste Kleidersammlung wohl nicht überleben. Ich gehe jetzt erst mal einkaufen… in der Young Fashion Abteilung.
Das ist übel!
Ich finds geil!
Du musst der Wahrheit ins Auge schauen: Du wirst alt. Ich darf mir von meinen Jugendlichen auch so Kommentare anhören (zum Thema Musikgruppen): Die kennst du nicht, dafür bist du zu alt…
Sie verkennen, daß die Hemden eines nichtbeamteten Siebzigjährigen 5-30 Jahre alt sind. Außerdem pflegen sie nicht einem Young Fashion Department zu entstammen, sondern einem Weißnähermeister.
Man kennt das ja: Jetzt bin ich verbeamtet, jetzt darf ich auch in Birkenholzsandalen rumlaufen.
Na ja, ehrlich gesagt: Als das mit vierzig mit der blöden Arbeitnehmerei endlich vorbei war, habe ich (außer vor Gericht und bei Begräbnissen) ostentativ nie wieder eine Krawatte getragen.
(Obwohl ich mich mit ohne nackt fühle.)